2023
Vier Wände, Licht, zwei Türen
Ausstellung und Publikation
Mit Vier Wände, Licht, zwei Türen haben Studierende des Fachbereichs Gestaltung der Folkwang Universität der Künste medienübergreifende, künstlerische Experimente in der Hochdruckanlage des UNESCO-Welterbes Zollverein gezeigt.
Vom 14. - 16. Juli 2023 waren 10 ortsspezifische Arbeiten, die sich an der Schnittstelle zwischen Video, Fotografie, Grafik, Simulation und Installation bewegen, zu sehen. Als Rundgang konzipiert interpretierten die künstlerischen Eingriffe die Architektur der Hochdruckanlage als Ausstellungsort neu.
Ein Teil der Studierenden beschäftigte sich mit noch unerschlossenen Orten des Areals UNESCO-Welterbe Zollverein, wobei zeitgenössische, digitale Techniken genutzt wurden, um eine neue Erfahrung mit den generierten Wirklichkeiten zu ermöglichen. Andere wiederum haben sich durch die ehemalige Funktion der Hochdruck-Anlage inspirieren lassen. Die Neuinterpretation des Raums spielte bei allen künstlerischen Arbeiten eine entscheidende Rolle, sowohl bei der Entstehung der Werke, als auch im simulierten und realen Raum der Installationen.
Vorausgegangen war die künstlerische Anleitung von Jugendlichen aus den benachbarten Stadtteilen, die unter der Regie von Folkwang-Studierenden ebenfalls das UNESCO-Welterbe Zollverein und die umliegenden Wohngebiete fotografisch erkundet haben.
Mit künstlerischen Beiträgen von Jonathan Heitkämper, Vivian Hötter, Daniel Kopsch, Leander Mundus, Farnaz Shahryari, Caja Sonnenschein, Alina von Zittwitz und Moritz Wondrak.
Alina von Zittwitz – Earthworm
Der Regenwurm ist ein uraltes Geschöpf, das zu den ältesten Bewohnern der Erde zählt. Unermüdlich gräbt er seine Tunnel, um die vom Kohleabbau gestörte öko-logische Balance im Erdreich wieder herzustellen. In seiner Größenskalierung verändert konfrontiert er die Besuchenden auf immersive Weise mit seiner Bedeutung und Daseinsberechtigung.
Durch die Nutzung von AR-Technologien erschafft Alina von Zittwitz ein Erlebnis, das die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt auf subtile Weise manipuliert und spielerisch erkundet. Earthworm kann auf dem Handy mit nach Hause genommen werden und in verschiedensten Umge-bungen weiterleben.
3D-Figur, animiert, circa 160 x 1200 cm, AR-Ansicht, Sound
Leander Mundus – in tune with the uncanny
In in tune with the uncanny untersucht Leander Mundus die transformative Kraft des technologischen Sehens an Hand generierter Bilder menschlicher Konterfeis. Mit Hilfe von Infrarotsensoren des iPhones, die normalerweise speziell auf Gesichtserkennung ausgelegt sind, erstellt Mundus Scans von einzelnen Gesichtern, deren befremdliche, technologische Seite so zum Vorschein tritt. Durch die Verbindung der Scans mit maschinell-virtuellem Lernen stellt das Projekt traditionelle Vorstellungen von Porträtkunst in Frage und bietet Einblicke in die transformative Kraft des technologischen Sehens.
Die Animationen interpretieren den Transformationsraum Hochdruck-Anlage auf eine aktuelle Weise und ermöglichen ein Zusammenspiel von Kunst, Technologie und menschlichem Sehen.
Head No. 12, Animation auf Bildschirm, 5’04’', Head No. 05, Animation auf Bildschirm, 5’04’', Head No. 07, Video-Projektion, 5’36’'
Max Füllbier – Default Cube
Die Installation Default Cube untersucht die digitale Materialität virtualisierter Räumlichkeiten. Dreidimensionale Rohdaten finden mittels verschiedener Projektions-techniken zurück in den Realraum. Durch die entstehenden Schichtungen, wird der virtuelle Raum fast greifbar und kann durch die Interaktion mit der Installation auf neuem Wege erlebt und betrachtet werden.
Holoprojektion von virtualisierten Räumen auf Grundlage des „Peppers Ghost“ von 1862, Beamer-Projektion von „ASCII“ codierten virtualisierten Räumen
Moritz Wondrak – Im Lauf (der zeit und der dinge)
Die Arbeit im Lauf thematisiert das Ver-hältnis von Zeit und Raum in der Hochdruck-Anlage. In der Beschäftigung mit dem industriellen Raum, der auf den ersten Blick einzig eine verlorene Ver-gangenheit zu zeigen scheint, richtet Moritz Wondrak seine Aufmerksamkeit auf das fast täglich sichtbare Lichtspiel. Von 7 Uhr bis 14 Uhr wandern harte Lichtstreifen und weiche Lichtflecken über die zer-störten Maschinen. Trotzdem bleibt die Atmosphäre des historischen Zustandes im Raum für uns heute nicht mehr nachvoll-ziehbar. Die einzige Konstante bildet das Licht. Aus einem spielerischen Gedanken heraus bildet die Miniatur-dampfmaschine, in der Reihe der Hoch-druckpumpen platziert, einen sichtbar gegensätzlichen Bruch zur auratischen Wirkung des Raumes selbst.
30 Schwarzweißfotografien, Kontaktabzüge 4x5 inch, Spielzeugdampfmaschine, Sound
Daniel Kopsch – The Cube
Der industrielle Wandel der 80er Jahre inspirierte Daniel Kopsch zu einer virtuellen Skulptur, die der Entwicklung von der Schwerindustrie zu einer durch Information und Technologietransfer basierten Industrie nachgeht. Die Arbeit zeigt ein sich drehendes „Kohle-Pixel“, das von unzähligen Schächten durchzogen wird. Gerahmt wird dieser virtuelle Würfel von dem Videospielklassiker „Boulder Dash“ aus dem Jahr 1984, bei dem es um einen simulierten Abbau von Kohlenstoff (Diamanten) geht.
Der reziproke Verlauf der Spielszenen und die mitunter sichtbaren Glitches verkörpern auf spielerische Weise diesen Wandel.
Videoinstallation auf Leinwand präsentiert, 4’16’', in Anlehnung an Boulder Dash, von Peter Liepa und Chris Gray, 1984
Farnaz Shahryari – die Täuschung des Einklangs - eine Suche nach der Illusion von Harmonie
Die Projektion eines animierten Baums auf dem historischen Dampfkondensatbehälter im Erdgeschoss mutet mystisch an und verfälscht bewusst die Natur im Industrieraum. Der Baum des Lebens hat sich in der Industrie angesiedelt. Naturklänge und Tonspuren vermischen sich mit Bewegungstönen der Stahlbleche, die von den Besuchenden mit Hand erzeugt werden. Zusammen mit dem rostfarbenen Hintergrund und den beweglichen Stahlobjekten bildet der projektierte, künstliche Baum eine visuelle, mehrdimensionale Einheit. Symbolisiert wird das Ungleichgewicht zwischen industrieller Vergangenheit und Natur.
Bildanimation als Beamer-Projektion mit Tonspur, bewegliche, hängende Stahlbleche
Caja Sonnenschein – Litter I u. II
Fast schon poetisch anmutend fliegen Partikel von Müll durch die 3D animierten Sequenzen Litter I und Litter II. In zwei zusammenhängenden Projektionen wirken die Muster von Menschen gemachten Verschmutzungen fast wie ein Teil der Natur selbst. Ein Verweis auf die ungehindert voranschreitende Zerstörung unserer Umwelt, symbolisch aufgeladen mit historischen Verweisen der Zeche und Kokerei Zollverein.
Videoinstallation als Loop, auf Wand bzw. Decke, jeweils circa 1’00’', 460 x 350 cm und 352 x 195 cm
Jonathan Heitkämper – .x//|y\-||\\z
Die vielschichtigen Bedeutungen der Zusammenhänge von Rasterung und Normierung in technischen Prozessen untersucht Jonathan Heitkämper mit seiner Arbeit .x//|y\-||\\z. Sein Ergebnis sind raumberechnete Bilder, die als Installationsobjekte zu den maschinellen Artefakten, die in der Hochdruck-Anlage gelagert werden, Bezug nehmen. Zentraler Aspekt der Arbeit ist die Wahrnehmung von Räumlichkeit durch den jeweils eigenen Blickwinkel.
zwei digitale Grafiken auf Meshgewebe, einem Gitterrost, jeweils 98 x 120 cm
Vivian Hötter – Den Bach runter
Mit ihrer Videoinstallation erweitert Vivian Hötter den realen Raum der Hoch-druck-Anlage um digital konstruierte Orte von poe-tisch-mystischer Schönheit. Mal mehr, mal weniger real anmutend werden diese Orte nicht nur virtuell er-fasst, sondern mit neuen Bedeutungsebenen versehen. Analog zur damaligen Seilfahrt reisen Betrachtende in die Tiefe.
raumgreifende Video-installation als Loop, Sound, 4’59’'
Idee und Konzeption: Prof. Elke Seeger und Max Füllbier
Die Ausstellung ist Teil des Projekts BLICKFELD ZOLLVEREIN, einer Kooperation der Folkwang Universität der Künste und der Stiftung Zollverein. Ermöglicht wird das Projekt durch die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Stiftung Zollverein (GFF) und der RAG-Stiftung.
Copyright Fotografien: Samuel Solazzo sowie die jeweiligen Bildautor:innen